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Im Polarmeer droht ein neues Tschernobyl
03.06 2007

Im Polarmeer droht ein neues Tschernobyl

Kopenhagen - Ein provisorisches Lager fuer Atommuell auf der Kola-Halbinsel sei in einem derart schlechten Zustand, dass es „jederzeit in die Luft gehen“ koenne, warnt ein bisher nicht veroeffentlichter Rapport der russischen Atombehoerde Rosatom, der der norwegischen Umweltorganisation Bellona in die Haende gespielt wurde. Dies koenne in Nordeuropa eine atomare Katastrophe ausloesen, die die Folgen von Tschernobyl noch uebertreffe.

In einer alten Marineanlage in der Andrejewa-Bucht sind in drei enormen Betonbehaeltern, die eigentlich fuer die Verwahrung von schwach radioaktivem Abfall gedacht waren, je 21 000 ausgebrannte Brennstaebe von Reaktoren sowjetischer Atom-U-Boote gelagert. Die Atommuellhalde galt Anfang der 80er Jahre als uebergangsloesung fuer hoechstens fuenf Jahre, ist jedoch immer noch in Verwendung. Als bekannt wurde, dass die Container undicht sind, finanzierte Norwegen ein neues Dach fuer die nur 45 km von der Grenze entfernte Anlage. Bisher gingen die Experten davon aus, dass die Metallrohre, in denen die Brennstaebe lagern, trocken sind.

Doch dies sind sie nicht, stellte nun Rosatom fest. Salzwasser drang in die Behaelter ein und liess die Rohre rosten. Nun verwittern auch die Brennstaebe, worauf kleine Uranpartikel in den Metallroehren zu Boden fallen. „Wenn die Menge dieser Partikel fuenf bis zehn Prozent der Wassermenge betraegt, besteht Explosionsgefahr“, zitiert der russische Bellona-Experte Igor Kudrik gegenueber der Zeitung „Aftenposten“ aus dem Papier.
Die Lunte brennt

„Wir kennen das Pulverfass und wissen, dass die Lunte brennt, aber wir wissen nicht, wie lang sie ist“, sagt der Bellona-Mitarbeiter Alexander Nikitin, der Ende der 90er Jahre von russischen Behoerden wegen Geheimverrats strafrechtlich verfolgt wurde. Er hatte damals schon die fuer ihre Seriositaet bekannte Umweltorganisation mit Material ueber den katastrophalen Umgang mit radioaktivem Material versorgt. „Im besten Fall kommt es zu einer begrenzten Explosion, die zu radioaktiver Verseuchung in einem Umkreis von fuenf Kilometern fuehrt. Im schlimmsten Fall fliegt die ganze Tankanlage in die Luft, mit ungeahnten Folgen.“ „Davon waeren zumindest grosse Teile Nordeuropas betroffen, in diesen Containern befinden sich enorme Mengen Radioaktivitaet“, ergaenzt der Atomphysiker Nils Bøhmer, Leiter von Bellonas Russland-Abteilung.

Bisher galten die auf Kola abgewrackten Atom-U-Boote, das Atomkraftwerk bei Murmansk und das mit ausgebrannten Kernbrennstaeben voll gepfropfte Versorgungsschiff Lepse, das im Hafen bei Murmansk liegt, als groesste Umweltbedrohungen aus dem Sowjet-Nachlass. Nun hat das norwegische Strahlenschutzamt auch die Andrejewa-Bucht als „Problemzone“ benannt. Die Brennstaebe muessten in ein Endlager ueberfuehrt werden, doch auch der Transport sei riskant.

Norwegen hat bereits mit 12,5 Millionen Euro zu den Sicherungsarbeiten in Kola beigetragen, moechte diese Hilfe nun jedoch unter Hinweis auf den wachsenden Reichtum Russlands einstellen. Davor warnt Bellona. Eine Sanierung in der Andrejewa-Bucht wuerde eine Milliarde Euro kosten, sagt Bøhmer. Wenn sich Norwegen als naechster Nachbar zurueckziehe, waere dies ein falsches Signal fuer andere Laender.

 

Full publication text: http://www.ksta.de/html/artikel/1179819732323.shtml
Author Valentina

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